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Leseprobe
(Anfang Kapitel 1)

Nur noch eine Seillänge trennt Marcus Waller vom Gipfel des Hochtors. Direkt unter ihm ist der überhängende Felsen, den er umklettert hat. Schräg rechts unter ihm, neben dieser schwierigen Stelle, ist seine Bergkameradin Andrea.
Marcus, gut gesichert, ist im Begriff, Andrea anzudeuten nachzuklettern. Da hört er plötzlich von oben ein Geräusch. Direkt am Gipfel löst sich ein Felsbrocken und stürzt herunter, wohl hundert oder mehr Kilo schwer (war er von jemand am Gipfel losgetreten worden, der von der Hesshütte aufgestiegen war?). Es ist klar, dass er Marcus rechts verfehlen wird; aber ebenso klar ist es einen Augenblick später, dass er direkt auf Andrea aufprallen und sie zermalmen wird. Andrea und Marcus sehen die Gefahr beinahe gleichzeitig. Doch Andrea hat keine Optionen: Wegen des Felsvorsprungs kann sie sich nicht ins Seil fallen und links wegschwingen lassen. Jeder Versuch, in den verbleibenden wenigen Sekunden auszuweichen - nach rechts zu klettern - ist offenbar unmöglich. So bleibt nur die Bergsteigerregel: Sich mit dem Gesicht an den Felsen pressen und hoffen, dass der Helm das Schlimmste verhindert. Der Stein saust keine 3 m an Marcus vorbei direkt auf Andrea zu. Diese blickt nicht mehr nach oben, ihr Gesicht hat sie an die Wand gepresst. Marcus weiß, dass Andrea in wenigen Sekunden tot sein wird. Andrea weiß dies auch, mit einer Hand winkt sie Marcus zum Abschied zu, eine Bewegung, die Marcus nie vergessen wird.
"Dieser verdammte Stein", ist das Einzige, was Marcus denkt. Da ist es plötzlich, als würde ein Teil von ihm mit einer oder mit mehreren unsichtbaren "Pseudohänden" den Stein berühren. Marcus ist wie in Trance, was ist das? Er fühlt, wie seine "Pseudohände" den Stein spüren, ihn verlangsamen, immer mehr abbremsen. Der Stein, mit wachsender Geschwindigkeit unterwegs, im Begriff Andrea zu zerschmettern, beginnt sich nur 20 Meter über ihr zu verlangsamen, driftet zunächst wie eine Schneeflocke hinunter, kommt dann fast zum Stillstand. Mit dem Stein steht auch die ganze Welt aus der Sicht von Marcus still: die Lärchen, die sich vorher im Wind wild bewegt hatten, die Felsschwalben hängen bewegungslos in der Luft, als wären sie festgenagelt, das Piepsen der Murmeltiere ist verschwunden und durch ein eigentümlich leises, tiefes Dröhnen ersetzt ... und Marcus hat den Stein, 30 m unter sich, 20 m oberhalb von Andrea in seiner Gewalt!
Er kann es nicht fassen, nur durch seinen Willen mit eigentümlichen, unsichtbaren, aber für ihn fühlbaren "Pseudohänden" den Stein festhalten bzw. massiv abbremsen zu können. Es wird ihm auch bewusst, dass er mehr verlangsamt als nur den Stein, nämlich auch die Zeit. Hat er seine subjektive Zeit beschleunigt oder verlangsamt er die objektive Zeit? Bewegen sich zurzeit alle Uhren, Tiere, Menschen nur im Zeitlupentempo oder vergeht für alle die Zeit wie normal, nur er denkt und empfindet plötzlich so viel schneller, dass ihm die Umwelt langsamer vorkommt?
Wie in einem Traum erlebt Marcus das, erfüllt nur von einem Wunsch und einer Hoffnung, Andrea zu retten. Er merkt, dass er den Stein nach rechts ablenken könnte, sodass er an Andrea vorbeifallen würde, aber es ist ihm bewusst, dass dies völlig unerklärbar wäre. Ohne in diesem Moment zu wissen warum, hat er das Bedürfnis, seine Fähigkeit zu verbergen, auch vor Andrea. Marcus lockert den Griff seiner Pseudohände auf den Stein, dieser beginnt wieder schneller Richtung Andrea zu fallen. Marcus drückt ihn millimeterweise gegen die Felswand. Kurz oberhalb von Andrea berührt der elsbrocken die Wand, einige Splitter fliegen (der Helm von Andrea hält das leicht aus), der Stein selbst springt von der Felswand weg wie eine Billardkugel, die die Bande schräg berührt, und verschwindet hinter dem Rücken von Andrea nach unten ohne Schaden anzurichten.
Zeit und Leben laufen wieder normal weiter.
"Das war knapp", ruft Andrea ..., "ich habe nicht geglaubt, dass ich das überleben werde." "Andrea, ich bin auch total erschrocken. Ich bin so froh, dass das gut vorüber ist", antwortet Marcus erleichtert. Nebenbei registriert er fast unbewusst: Die Zeit hat sich offenbar nur subjektiv verändert, Andrea hätte sonst ganz anders reagiert.