(aus Kapitel 3)
In seiner Firma redet Marcus mit dem Geschäftsführer unter vier Augen: "Robert, ich brauche einen Mitarbeiter, auf den ich mich 100% verlassen kann. Er muss jemand für mich beobachten, darf aber, egal wie unglaublich das ist, was er vielleicht sieht, niemand außer mir davon erzählen." Robert ist begreiflich neugierig, aber er merkt, dass Marcus nicht weiter darüber reden will. "Ich würde sagen, nimm doch Paul Warren, auf den ist wirklich Verlass
und abgesehen davon, dass er auch beim 'großen Unfall' durch Euch gerettet wurde, hast Du mir -erinnerst Du Dich- vor einem Jahr nicht erlaubt, ihn zu kündigen."
Marcus bittet also Paul, Barry und sein Geschäft ab sofort möglichst umfassend zu beobachten, aber sich über nichts zu wundern und niemand von der Überwachung oder etwaigen Vorfällen zu erzählen. Bei irgendwelchen Besonderheiten soll Paul sofort Marcus per Handy anrufen.
Marcus hat noch einige Erledigungen in der Stadt. Er besorgt Karten für Maria und sich für ein Musical im Aotea Center, holt ein paar Bücher aus der Universitätsbibliothek für Maria ab, trifft sich auf einen Kaffee mit Aroha, jener rätselhaften jungen Frau, die er vor Jahren einmal kennengelernt hatte, und die nach dem Tod ihres Freundes in tiefe Verzweiflung stürzte, wo er durch Zufall ein bißchen hatte helfen können. Als es gegen 20 Uhr Zeit wird, allmählich auf die Insel zurück zu fliegen, klingelt plötzlich sein Handy. Zu seiner Überraschung ist es Paul, der etwas verlegen sagt: "Ich weiß nicht was ich mit dem anfangen soll, was ich erlebt habe, aber es ist doch so ungewöhnlich, dass ich es gleich berichten wollte." Die Stimme klingt verunsichert, dass Marcus fragt: "Paul, bist Du in der Nähe von Barrys Büro?" "Kann man wohl so sagen", antwortet Paul und kichert eigentümlich. "OK, treffen wir uns in 15 Minuten auf ein Essen in der Bronce Goat in der Ponsonby Road, einverstanden?" "Klingt gut", meldet sich Paul ab.
Marcus ruft Maria an, dass er erst spät kommen wird. Zu Aroha sagt er: "Du, entschuldige wenn ich jetzt abrupt gehe. Du musst uns aber einmal in unserem Haus auf der Insel besuchen, versprichst Du das? Das nächste Mal, wenn Du eine Einladung ablehnst, bin ich ganz sauer." Aroha lächelt: "Ich werde kommen, wenn es irgendwie geht". Sie umarmen sich kurz, Aroha blickt Marcus lange nach während sie ihre uralte Schnitzerei, den "Mindcaller" wie sie ihn nennt und den sie fast immer trägt, berührt. Marcus ist ein guter Freund, ein netter Kerl, aber da ist noch etwas an ihm, und irgendwie hängt das mit ihrem Mindcaller zusammen. Aber wie?
Die Bronce Goat ist voll wie immer. Mit Mühe finden Paul und Marcus einen einigermaßen ruhigen Platz. Der Fischeintopf und ein leichter Weißwein sind hervorragend. "Schieß los", sagt Marcus. Paul überlegt kurz: "Also, ich war um ca. 15 Uhr in der Bar auf der anderen Straßenseite, von wo man das kleine Reisebüro gut beobachten kann. Ich habe ein Skriptum mit, wie ein Student, um einen guten Grund zu haben, hier länger zu sitzen. Nach einem größeren Trinkgeld werde ich gut bedient bzw. in Ruhe gelassen. Zuerst ist gar nichts los. Dann geht eine wirklich bildhübsche Chinesin in das Reisebüro. Als sie nach 30 Minuten noch immer nicht herausgekommen ist, muss ich nachsehen. Die Eingangstür ist offen, kein Wunder bei der Hitze, aber der kleine Verkaufsraum ist leer. Dahinter ist ja eine Tür zu einem anderen Zimmer
ich schaue vorsichtig hinein. Es ist nur ein kleines, fensterloses Zimmer mit einer Badenische und einem großen Bett. Und da liegen Barry und die Chinesin, splitternackt - ach nein, sie hatte noch die Stöckelschuhe an- und na ja, sie treiben es, und zwar ziemlich toll. Sehr gelenkig, beide." Marcus unterbricht: "Paul, klingt ja ganz interessant, aber ich glaube diese Details sind doch nicht so wichtig, dass Du mich angerufen hast?" Paul lacht: "Nein, kommt schon noch. Aber lass mich doch. Was bleibt mir doch anderes übrig, als ein bisschen zuzuschauen. Die beiden waren unersättlich. Schließlich bin ich dann halt doch wieder zurück in die Bar. Die Chinesin kommt erst einiges später heraus. Die Kellnerin findet mich jetzt auf einmal sehr viel interessanter: hält mich wohl für einen Detektiv, erzählt mir, dass da drüben oft die verschiedensten Frauen auf eine Stunde verschwinden und manchmal recht zerzaust herauskommen. Du wirst es nicht glauben: sie wird recht heiß beim Erzählen, und ich bin's noch vom Zuschauen, so gibt ein Wort das andere: ich treffe mich mit der Kellnerin, wenn sie um 22 Uhr fertig ist", schmunzelt Paul und hebt die Hand, um Marcus zu hindern, dass er wieder unterbricht. "Also, kurz gesagt, das erste was ich über Barry herausfinde: er ist offensichtlich ein ziemlicher Weiberheld. Aber jetzt kommt das Unglaubliche. Barry schließt um 18:00 von innen, verstehst Du, von INNEN, das Geschäft. Er kommt nicht mehr heraus, es wird dämmrig, es wird drinnen kein Licht angedreht, außerdem muss doch auch Barry irgendwann essen. Also gehe ich so gegen 19:30 hinüber, läute an, klopfe, keine Reaktion. Komisch, denke ich. Die Tür war ganz leicht aufzukriegen, es ist ja außer den Dingen die vielleicht im Safe eingesperrt sind wirklich nichts, was man stehlen will
außer man fährt total auf Reiseprospekte ab." "Du bist eingebrochen?", staunt Marcus. "Na, sagen wir ich bin durch die Tür hineingegangen weil ich mir Sorgen um Barry machte
vielleicht hat er sich zu sehr verausgabt, vorher, du weißt ja. Aber, er hat sich nicht zu sehr verausgabt: er war einfach nicht mehr da. Und das ist warum ich dich angerufen habe: da bin ich in Barrys leerem Büro gestanden, und du fragst mich, ob ich noch in der Nähe des Büros bin. War schon zum Kichern. Aber überleg einmal: das gibt es doch einfach nicht: er hat von Innen zugesperrt, es gibt nur einen Weg aus dieser Bude, durch die Tür, und dort ist er garantiert nicht mehr herausgekommen. Er hat sich in Luft aufgelöst. Hast Du eine vernünftige Erklärung dafür?"
Marcus schaut auf die Uhr. "Ich habe keine vernünftige Erklärung. Ich werde nachdenken. Danke dir. Ich werde dich wieder brauchen. Aber jetzt geh, damit du deine Kellnerin nicht versäumst
und viel Spaß
und rede nicht über das, was du erlebt hast". "Geht alles klar. Und du glaubst mir wohl die Geschichte nicht ganz", verabschiedet sich Paul enttäuscht. Marcus zuckt die Schultern: "Würdest Du sie mir glauben?" "Ich würde wohl auch lange nachdenken."
Zu Hause berichtet er Maria. Sie sind sich rasch einig: es gibt drei mögliche Erklärungen: erstens, die wahrscheinlichste, dass Paul übersehen hat, wie Barry das Geschäft verließ
immerhin war er ja durch die Kellnerin einigermaßen abgelenkt; zweitens, es könnte doch einen anderen oder Geheimausgang aus dem Büro geben; und drittens, Barry ist para-begabt, wenn sie sich bei Lena nicht irren: kann er am Ende durch Wände gehen, wie Marcus durch Wände greifen kann? Kann er sich unsichtbar machen? Kann er Menschen durch eine Art von Hypnose etwas vortäuschen? Kann er sich massiv verkleinern und durch eine kleine Öffnung entschwinden? Da gibt es viele Möglichkeiten, eine fantastischere als die andere....